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Die Revolution der Prüfung – ein Gastbeitrag von Marie Hengst







Für mich gehören Prüfungen seit meiner Schulzeit zum Lernprozess dazu. Erst im Gymnasium in schriftlicher Form von Leistungskontrollen und Klausuren, dann beim Studium in Form von schriftlichen und mündlichen Prüfungen und zu guter Letzt die Verteidigung meiner Dissertationsschrift. Alle Formen dieser Prüfungen zielten darauf ab, das Gelernte abzufragen und zu bewerten. Etwas intentional zu lernen ist wohl implizit mit Bewerten, Messen und Selektieren verbunden. Was aber kann an dieser Verbundenheit verändert werden?

Ich selbst bemerke, wie ich vom traditionellen Lernbild (Wissen vermitteln, Lernen und geprüft werden) geprägt bin und es Mut und Kreativität erfordert, sich andere Prüfungsformen vorzustellen. Es stellen sich Fragen des „Wozu“, „Was“ und „Wie“.

  • Wozu sollten wir über andere Prüfungsmethoden nachdenken?
  • Was ist der Mehrwert?
  • Wie veränderbar ist tatsächlich das System von dem es getragen wird?
  • Wie können wir prüfen und bewerten, ohne dabei vorrangig Fach- und Informationswissen abzufragen?
  • Wie lassen sich persönliche, sozial-kommunikative und auch Methoden- und Fachkompetenz in den Vordergrund von Tests bringen?

Wäre es nicht schön, wenn Prüfungsangst ein Thema „von gestern“ war. Wenn man bei einer Prüfung nicht bulimieartig das Wissen wieder hervorbringen muss, sondern kompetenzorientiert zeigt, was man selbst gelernt hat? Damit würden Selbstwirksamkeit- und vertrauen gestärkt und vor allem der Handelnde im späteren Tätigkeitfeld eine Ahnung davon haben, was er tut und nicht der „Fachidiot“ sein!

Wozu prüfen wir?

Bezüglich der didaktischen Ausrichtung weisen die verschiedenen Formen der Prüfungen Unterschiede auf. So haben Prüfungen mit dem Ziel, ein bestimmtes Lernziel oder den Output des Lernens zu prüfen oft selektiven Charakter und stehen meist am Ende eines Lernprozesses. Hierbei erfolgt die Bewertung durch eine Benotung des Lehrenden. Eher fördernden Charakter haben Lernfortschrittskontrollen, die in Form von kleinen und kontinuierlichen Überprüfungen in den Lernprozess integriert werden. Dieser didaktische Ansatz integriert das regelmäßige, selbständige und oftmals freiwillige Bearbeiten von Arbeitsaufträgen. Das damit einhergehende Feedback kann den Lernenden helfen, eigene Fehler zu erkennen und darüber hinaus das Erlernte praktisch anzuwenden.

Ich finde den didaktischen Ansatz, bei dem Rückmeldung und Motivation wichtiger sind als Selektion, eine machbare Möglichkeit das Gelernte zu kontrollieren. Somit wird der Lernfortschritt evaluiert,  Motivation und Volition werden nicht nur aufrechterhalten sondern sogar befeuert und der Weg zur weiteren Kompetenzerweiterung durch diesen internen Prozess ist geebnet.

Neue Prüfungsformate

Wie könnten nun solche neuen Prüfungsformate aussehen? Ich denke dabei an  komplexe Aufgaben, an Gespräche die praxisnah und handlungsorientiert sind, an Tests die eben Wissen nicht abfragen, sondern anwenden und besten Falls auch computergestützt realisierbar sind.

Exemplarisch kann hier die Anfertigung von Facharbeiten in Form von online recherchierten Kollagen genannt werden oder online bereitgestellte Arbeitsmappen, die Lernenden auf einer E-Learning- Plattform zusammenfassen. Ein innovativer und neuer Ansatz zur Überprüfung von Wissen und Fähigkeiten ist das automatische und kontinuierliche Feedback von Aktivitäten und Interaktionen in virtuellen Welten. Damit können Fähigkeiten trainiert und überprüft werden.

Computergestütztes Prüfen

Das so genannte E-Portfolio, das derzeit viel diskutiert wird, bezeichnet zum Beispiel netzbasierte Sammelmappen, die verschiedene digitale Medien und Services integrieren. Lernende können ein E-Portfolio als digitalen Speicher der Artefakte kreieren und pflegen, die sie im Verlauf eines Kurses oder auch während des gesamten Lernprozesses erarbeiten. So kann die Kompetenzentwicklung in einer bestimmten Zeitspanne und für bestimmte Zwecke dokumentiert und veranschaulicht werden. Computerunterstützung in Prüfungsprozessen ermöglicht Lehrenden beziehungsweise Prüfenden folglich eine Fülle neuer Varianten zur Ermittlung von Lernfortschritten.

Doch unabhängig von Ausprägung und Ausgestaltung des Computereinsatzes ist festzuhalten, dass sich die elektronische Kontrolle und Beurteilung von Lernfortschritten langfristig nur dann als wirklich effektiv erweist, wenn sie für die speziellen Einsatzzwecke in den jeweiligen Veranstaltungen optimal konfiguriert ist und sich gut in die bestehende Bildungspraxis einpassen lässt. Daher darf natürlich nicht der enorme Aufwand außeracht gelassen werden, der eine solche Reform nach sich zieht. Nicht nur Prüfungsmethoden müssen entwickelt und evaluiert, auch die Schulung künftiger Prüfer muss berücksichtig werden.

Da ich selbst durch meine Erfahrung mit Ghostthinker und der eigenen Forschungstätigkeit immer mehr über die Entwicklung und Messung von Kompetenzen erfahre, bin ich gespannt wie das traditionelle Verfahren des Prüfens revolutioniert wird.  

 

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Über die Autorin

Dr. Marie Hengst ist Sportpsychologin und betreut SpitzensportlerInnen. Ihr Tätigkeitsfeld ist breit aufgestellt. So betreut sie AthletInnen im Wintersport, Motorsport und Mannschaftssport. Gerade ist sie dabei einen Kurs zum Thema Sportpsychologie für die edubreak® Academy zu konzipieren. Weitere Infos über die Referentin sind auf ihrer Webiste: https://mariehengst.wixsite.com/mhsportpsychologie/ zu finden.

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